Rosarot

Ich weiß wirklich nicht, ob ich an der Präsentation von Google Glass irgendwas verpasst habe, aber ganz ehrlich: wie um alles in der Welt soll dieses Produkt erfolgreich sein?

Zum Einen trage ich seit Jahren eine Videokamera mit mir herum auf Urlaubsreisen und der Hauptgrund warum ich diese Videos bisher nicht geschnitten, mit Musik unterlegt und stolz meiner Familie präsentiert habe liegt darin, dass das Gewackel einfach nach ein paar Minuten absolut unerträglich wird. Es setzt Seekrankheit beim Zuschauer ein und er macht das Video aus bzw. kann nicht mehr hingucken. Wer Cloverfield gesehen hat wird wissen was ich meine.

Darüber hinaus bekomme ich einfach nicht übereinander wie man ernsthaft das Tragen einer Brille als cool empfinden kann. Ich bin seit meinem dritten Lebensjahr Brillenträger und wenn ich passendere Augäpfel hätte, wäre ich schon längst auf Kontaktlinsen umgestiegen. Ich bin weitsichtig und somit schließt sich auch jedwede Laserbehandlung aus, die in der Regel nur wirklich gut bei kurzsichtigen Menschen funktioniert. Man hat mir mein Leben lang erzählt ich sehe ohne Brille besser aus – zudem tritt immer der Effekt ein dass man mit Brille intelligenter wirkt als man vielleicht möchte. Und wer wird schon gerne Vierauge genannt?

Das ist aber dann nicht das Ende der vielen Fragezeichen die um mich schwirren wenn ich das Produkt näher betrachte. Zum einen ist die Brille nichts Weiter als eine kleine Kamera – wo steckt der Akku, der das Gerät über einen gesamten Tag lang antreibt? Es ist vollkommen abwegig mir weis machen zu wollen dass der benötigte Strom nicht mindestens eine Batterie von wenigstens 50 Gramm voraussetzt um auch nur halbwegs den Tag über zu laufen. Sobald irgendeine Aufnahme-Aktivität startet, saugt sich der Akku noch schneller leer – also geht es eher in richtung hundert, vielleicht zweihundert Gramm. Das trägt man nicht auf einer Brille – auch nicht mal ansatzweise. Meine Brille wiegt 22 Gramm mit Halbgläsern, kein Mensch trägt mehr als 50 Gramm Brille durch die Gegend ohne Kopfschmerzen zu bekommen – ein Umstand den so oder so ziemlich viele Nicht-Brillenträger sofort erleben werden durch Druck auf die obere Ohrmuschel und den Nasenrücken. Also muss die Batterieladung irgendwie über ein Kabel zur Brille geführt werden – wer schonmal einen Brillenhalterschlauch an seiner Brille hatte wird wissen wie nervig jedwede Verdickung der Bügel empfunden werden kann. Ergo muss ich für das Google Glass, sollte sich nicht in den nächsten Jahren die Energiedichte von Batterien verdutzendfachen, immer eine kleine Tasche die irgendwo an meinem Körper befestigt ist, mit mir herumführen. Ähnlich eines Brustbeutels. Und wir wissen ja alle wie spaßig Brustbeutel sind. In diesem Beutel kann dann auch die gesamte Internetanbindung verstaut sein – sprich ein Smartphone ohne Display. Noch mal ein paar Gramm obendrauf, sagen wir einfach es wären noch einmal 50 Gramm. Damit wird der Beutel dann schon recht schwer. Alternativ kann man natürlich einfach ein Smartphone mit dem Brustbeutel z.B. per Bluetooth verbinden. Vielleicht kommt diese Konstellation bekannt vor – wer schon einmal auf einer CeBit war kennt sicherlich die ganzen tollen Hechte, die mit Bluetooth-Freisprecheinrichtung wie die umherirrenden Zombies mit sich selbst redend um irgendwelche Parkbänke wandern.

Das wäre dann auch mein nächster fragender Ansatz – wie geistesgestört sieht es bitte aus, wenn jemand die ganze Zeit mit seiner Brille redet? Wie nervig sind solche Personen und wie sehr würde man sich als normal denkender Mensch schämen, die ganze Zeit „Glass (Befehl)“ sagend durch die Gegend zu laufen? Und unabhängig hiervon und von dem Schwindelgefühl das die dabei entstandenen Videos erzeugen, ab welchem Punkt wird einem Google Glass User die Brille vom Kopf gerissen und zerstört weil sich die Menschen, die sich in der Umgebung befinden, einfach nicht filmen lassen wollen? Man mag es kaum glauben aber es soll Leute geben die NICHT auf Facebook sind und was dagegen haben, wenn sie gefilmt werden. Mit den auf Facebook von Freunden hochgeladenen und mit einer Person verbundenen Fotos und den daraus für die Gesichtserkennung optimierten biometrischen Daten könnte ab einer bestimmten Userdichte für Google Glass jedwede Person auch OHNE die Einwilligung in irgendwelche Nutzungsbestimmungen durch eine Stadt verfolgt werden, insofern sie nur oft genug auf den Videos der Glass-User auftaucht. Big Brother lässt grüßen. Und von Nicht-Öffentlichen Räumen will ich gar nicht erst anfangen. Rein von der Theorie her muss man die Brille sobald man ein Geschäft betritt abnehmen, da man ab dann nicht mehr in der Öffentlichkeit ist, sondern in einem Geschäft mit einem Besitzer. Im Prinzip jedes Mal wenn man durch einen Eingang geht in ein Haus. Sprich das Gerät verträgt sich überhaupt nicht mit unseren Gesetzen, vor allem dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung.

Aber kommen wir zu den Kosten – der Preis meiner Brille betrug knapp 500 Euro 0hne irgendeine Gleitsichtkomponente. Google Glass soll 1500 Dollar kosten, sprich in einer Version die mit meiner Fehlsichtigkeit zurecht käme würde die Brille sicherlich irgendwo bei 1800 Euro landen. Das ist, mit Verlaub, durchgeknallt und erinnert an Google Q oder jedwedes Android-Tablet zum Start mit Preisen von 1000 Euro und mehr. Dies ist aber dann auch der einzige Punkt der halbwegs für mich zu entkräften ist. In ein paar Jahren sind die Komponenten so billig dass man sie an jede normale Brille anflanschen kann.

Und sicherlich werden bis dahin sexy Brustbeutel entwickelt.

Sorry aber für mich ist Google Glass eine absolute Totgeburt. Der Vergleich mit einem Segway ist ziemlich passend. Woz wird höchstwahrscheinlich alsbald damit rumrennen, Otto-Normalbürger aber sicherlich nicht vor 2050, und dann auch nur wenn Preis, Rechtslage, Schönheitsempfinden und Batterieleistung sich entscheidend ändern werden.

Man kann es so formulieren dass die Gesellschaft für Google Glass nicht bereit ist. Man könnte aber auch sagen dass hier eine Lösung gefunden würde für ein nicht vorhandenes Problem.

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2 Antworten

  1. Joschka sagt:

    Ich find leider den kurzartikel nicht mehr aber da gibt’s doch diesen Engländer der im mc’s voll was auf die 12 bekommen hat weil er son Ding selbstgebastelt schon trägt.
    http://www.engadget.com/2012/07/18/editorial-engadget-on-eyetap-project-glass-future-eyewear/
    Bin da auch voll bei dir. Sehr guter Artikel.

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