80 zu 1 oder warum man alles selbst machen muss

TNW Mag+

The Next Web hat die Tage verkündet, dass sie die Android-Ausgabe Ihres „Magazins“ einstellen. Die Gründe dafür würden zum einen darin liegen, dass man das Magazin für den iOS-Newsstand innerhalb weniger Stunden zusammen basteln könne, die Umsetzung für den Android Play-Store aber drei bis vier Tage in Anspruch nehmen würde. Darüber hinaus gab man bekannt, dass auf jeden Android-Download des Magazins satte 80 (in Worten: achzig!) Downloads auf iOS kämen.

Wie so oft wurde darüber zunächst auf Twitter diskutiert und dann passender Weise im iPhoneblog. Mein Kommentar dort:

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Übrigens ist das Magazin kostenlos wenn ich das jetzt nicht komplett falsch überschaue. Auf Android kann man (laut eines Tweets https://twitter.com/m4tt/statu… ein Abo abschließen).

Von daher frage ich mich ehrlich gesagt ein wenig wie man aus den Downloadzahlen einer Gratiszeitung auf die Gesundheit des digitalen Magazinmarktes schließen will. Wir haben hier auch Mittwochs und Sonntags Gratiszeitungen im Flur liegen im Haus. Daraus würde ich jetzt nicht schließen wie gut sich die Neue Westfälische verkauft.

Gerne möchte ich die Gelegenheit nutzen, um das Beispiel weiter zu erläutern.

Kein Briefkasten

Zum Einen ist da der Hausflur bzw. der Briefkasten. In iOS ist dieser Vorhanden in Form des Ordners, den man nicht löschen kann – „Newsstand“ genannt. Irgendwann wird jeder User da mal draufklicken und den einzigen Knopf, der dort vorhanden ist, nämlich „Store“ oben rechts, anklicken. Und dann irgendwas gratis herunter laden.

Ich finde man kann anhand der gratis heruntergeladenen Magazine im AppStore keinerlei Schlüsse ziehen, wie groß das Interesse an Magazinen die nur mit Abo zu bekommen sind, ableiten.

Dies ist der Aspekt des Vergleichs bezüglich der Frage „Kann man auf iOS mit Abo-Magazinen Geld verdienen“. Alexander Olma nennt in seinem Beitrag „The Daily“ von Rupert Murdoch, welches kürzlich nach dem Verbraten von über 100 Millionen US-Dollar eingestellt wurde und „The Magazine“ von Marco Arment, welches kürzlich im Umfang vergrößert wurde und laut eigener Aussage mit mindestens 10.000+ Abonnenten, die jeden Monat 1,99US$ bezahlen für zwei Ausgaben.

Ich finde diese beiden haben im Vergleich mit dem TNW-Magazin nichts verloren.

TNW ist so etwas wie eine Gratis-Zeitung, eine Wurfsendung die sich nur durch Werbung finanziert. Man kann sie nennen als „andere Ansätze“ aber das ist ungefähr so als ob man in einem Artikel über Fernsehgelder für den Kauf der Championsleague-Rechte der UEFA einwirft dass man ja auch bei der Volleyball-Bundesliga Fernsehrechte vergibt. Selbige kauft im Moment Sendezeit bei Sport1 ein und bezahlt den Sender für die Produktion.

Der zweite Aspekt des Vergleichs Zeitungen auf totem Holz gegenüber digitalen Magazinen bezüglich Downloadzahlen ist der Vergleich mit Android. Nimmt man ein 0815-Tablet wie das Nexus 7, so gibt es dort gar keinen „Briefkasten“ in Form von Newsstand oder einem vergleichbaren Icon auf dem Homescreen jedes Geräts. Es stellt sich in diesem Fall sofort die Frage, ob es sich eher um das Verhältnis von Usern auf iOS, welche ein Icon auf dem Homescreen anklicken, und Usern auf Android, die ein Untermenü im Google Play-Store finden, handelt.

Darüber hinaus aber beantwortet diese Betrachtung nicht die eigentliche Frage, wie viele Magazine auf „Android-Tablets“ wirklich konsumiert werden. iPads machen derzeit etwa mit 60% der Verkaufszahlen aus. Die restlichen 40% sind aber keinesfalls Nexus 7 Android-Tablets sondern zum großen Teil Kinde Fire und Nook Color-Geräte, die auch auf Android als Betriebssystem setzen aber ein geschlossenes Ökosystem darstellen. DIESE Geräte HABEN einen Store – wenn man zynisch sein will ist ein Kindle Fire nichts Anderes als das, was der AppStore auf iOS ist. Ein riesengroßer Einkaufswagen für Bücher, Zeitungen und Musik, der nebenbei auch noch all die Inhalte anzeigt nachdem man Geld abgedrückt hat.

Ob und wie man das TNW-Magazin auf diesen Geräten laden kann habe ich im Artikel dort nicht entdecken können. MEINER Auffassung nach handelt es sich bei den Downloadzahlen lediglich um Downloads aus dem Google Play-Store. (Update: die App gibt es auch direkt im Kindle Store, siehe unten). Diesen bekommt man auf einem Kindle-Fire gar nicht erst zu sehen Es ist eine Sache zu sagen „Wir haben uns einen Kindle Fire und ein Nexus 7 gekauft und Mag+ funktioniert darauf“ und der Tatsache, dass man ziemliche Klimmzüge machen muss, um die TNW APP (!) für Android aus dem Google Play Store auf einem Kindle zu installieren. Auf dem Nook Color geht so eine Installation meines Wissens nach per Definition nicht.

Die Unterschiede bezüglich des schieren Aufwands, den ein Besitzer eines Kindle oder Nook betreiben muss gegenüber einem iPad-Besitzer, sind demnach meiner bescheidenen Meinung nach gigantisch.

Einem geschenkten Gaul…

Schlussendlich ist das TNW-Magazin Gratiszeitung. Bei den Downloadzahlen fängt die Frage der Refinanzierbarkeit demnach gerade erst an. Wie viele Leute ÖFFNEN das Magazin nach dem Download überhaupt? Eine Ausgabe ist 100MB groß und man kann bei schlechter Internetverbindung den iOS-Newsstand nicht einfach zumachen, denn dann hakt es alsbald mit dem Download und die Ausgabe wird gar nicht erst richtig geladen. Dann stellt sich die Frage, wie viele von den fertig geladenen Magazin-Ausgaben überhaupt gelesen werden. Welche „Artikel“, wenn man davon überhaupt sprechen darf bei den Textschnipseln die sich im Magazin verlieren, werden wie weit gelesen, wann nach dem Download, wie viele Werbeseiten werden angeschaut, wie viele Twitter- und E-Mail-Teilen-Links geklickt und auch wirklich geteilt usw. usf.

Jason Snell hat neulich Feedback-Quoten zu seinen Artikel in „The Magazine“ auf Twitter veröffentlicht. Der Großteil der Rückmeldungen kommt vier Tage nach der Veröffentlichung der neuesten Ausgabe, 50% kommen in der ersten Woche, aber die restlichen 50% NACH einer Woche.

Darüber hinaus handelt es sich beim TNW-Magazin um „hochgewürgte“ Artikel der Webseite – will sagen: das was ins Magazin gepackt wird sind Blog-Einträge von der Webseite über Inhalte, die man direkt aus der App im AppStore/iTunes kaufen kann. TNW musste also für die Umsetzung auf Android viel Zeit investieren, die Produkte, die man gar nicht auf Google Play kaufen kann, aus dem Magazin zu nehmen. Ein einfaches Konvertieren ging also von vorne herein nicht. Auch wird hierdurch klar was eine weitere Einnahmequelle des Magazin ist – Affiliate-Einkommen durch Kaufanregung nach Lesen der Magazin-Beiträge und „Advertorials“, sprich Artikel über viele schöne Dinge, die man kaufen kann. Wo Artikel aufhört und Werbung anfängt in einem solchen Magazin ist nicht zu erkennen. Meinem Gefühl nach trifft der Vergleich mit den Gratiszeitungen im Briefkasten ins Schwarze. Hier stellt sich für mich erneut die Frage der Vergleichbarkeit zu „The Daily“ aber auch „The Magazine“. Letzteres enthält gar keine Werbung und ist schon gar nicht nach dem Aspekt zusammen gestellt, dass nur Dinge in das Magazin kommen die man sofort auf dem Gerät kaufen kann.

Zeitverschwendung

Die Quintessenz ist demnach die Folgende: keiner der Personen die den TNW-Artikel twitterten oder verlinkten, haben mir mitgeteilt, dass das Magazin gratis verteilt wird. Manche Leute wie Glenn Fleishman (@glennf) haben zunächst gar nicht gewusst, dass es um eine Gratiszeitung geht. Die die es gewusst haben wussten nicht, dass das Magazin aus wiederveröffentlichten Blog-Artikeln besteht.

Was bleibt ist für mich im Prinzip ein, zwei Stunden verschwendete Zeit wenn ich ganz ehrlich bin. Das TNW-Beispiel taugt insgesamt für GAR NICHTS. Es ist eine vollkommen unbrauchbare Metrik um herauszufinden, ob sich Inhalte auf Android-Tablets verkaufen lassen. Im Prinzip muss man IMMER erst definieren, WAS man überhaupt meint wenn man „Android-Tablet“ sagt. Alle? Nur die mit Google Play Store? Auch Kinde Fires? Ist der Vergleich zwischen einem Store wie dem des Kindle Fire und dem iOS AppStore/iTunes nicht eher legitim?

Und warum vergleicht man Abo-Zeitungen wie „The Daily“ überhaupt mit Gratiszeitungen wie dem Magazin von TNW?

Es ist ein Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen. Die Nooks und Fires zählen alle in die Statistik „Verkaufte Android-Tablets“ hinein. Sie machen meines Wissens nach sogar den Löwenanteil aus. Da aber Amazon und Barnes & Noble keinerlei Zahlen zu den Downloads in ihrem Store veröffentlichen und ich ehrlich gesagt überhaupt keine Ahnung habe, ob und wie Gratiszeitungen dort verteilt werden, sich aber auch niemand die Mühe macht, dies zu recherchieren, ist wie gesagt die TNW-Info ziemlich für die Katz. Selbst in den Kommentaren unter dem Artikel taucht nicht ein einziges Mal das Wort „Kindle“ auf. Offensichtlich diskutieren ziemlich viele Besitzer von Android-Tablets mit den Machern von TNW ohne dass überhaupt ein Großteil der Android-Tablet-Demographie zu Wort kommt.

Die ganze Episode ist meiner Ansicht nach für die Tonne. Aussagen wie „Android-Tablet-Nutzer laden keine Magazine runter“ lassen sich aus der 80:1-Aussage von TNW nicht ableiten, da faktisch ein großer Teil der Android-Tablets nicht Teil der offenen Android-Plattform sind. „Open always wins“ ist eine Farce wenn Android-Tablets zu einem Großteil aus den geschlossenen Plattformen von Amazon und Barnes & Noble bestehen. Demzufolge kann man an der TNW-Episode auch nicht ablesen, ob es sich lohnt, für ein „Android-Tablet“ ein Magazin aufzulegen, da es „Das Android-Tablet“ faktisch nicht gibt. Der Markt ist dort komplett fragmentiert – mindestens drei Appstores und unzählige Formfaktoren stehen einem Appstore mit prominenter Platzierung auf gerade Mal fünf unterschiedlichen Geräten mit gerade Mal zwei unterschiedlichen Auflösungen gegenüber.

Wenn man es komplett aufarbeiten will dann kann der Schluss nur lauten: es lohnt sich nicht, in mühseliger Kleinarbeit ein für das iPad produziertes Magazin für den Google Play Store umzuarbeiten, da dort die Magazine gut versteckt in einem Programm schlummern, das beim Großteil aller Geräte nicht auf dem Hauptbildschirm vorhanden ist.

Denn lediglich bei „Stock Android“-Geräten wie dem Nexus 7 ist der Play Store z.B. garantiert auf dem Homescreen. Ansonsten versucht fast jeder Hardware-Hersteller, einen eigenen Store zu pushen, um die 30% Marge abzugreifen.

Aber Hauptsache wir haben mal drüber gesprochen…

Update: „Mag+“, das Authoring-Tool von TNW, kann laut der Webseite des Anbieters in den Amazon Kindle Store publishen. Es handelt es sich dabei um ein Plug-In für InDesign mit dem man direkt Apps für die verschiedenen AppStores produzieren kann. Für iOS bedeutet dies eine App für den Newsstand, bei Android sind es Apps für den Google Play Store und für den Kindle Store. Von daher war meine Annahme falsch dass es sich nur um Downloadzahlen für den Google Play Store handelte und der Vergleich wird um Einiges besser.

Die restlichen Umstände bleiben aber bestehen. Während es bei iOS einen ganz eigenen Ordner für Magazine gibt („Newssstand“) sind diese bei Google Play und im Kindle Store lediglich Unter-Kategorien neben Filmen, Büchern, Musik und Apps.

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3 Antworten

  1. 4ndreas sagt:

    Ich bin der Meinung der größte Unterschied zwischen Android-Tablets und dem iPad liegt in der Konsumentengruppe. Nutzer des iPads konsumieren damit viel mehr Inhalt (siehe Internet-Traffic-Statistiken) als Android-Tablet-Nutzer und haben auch eine höhere Zahlungskraft. Den Aspekt der Positionierung des Angebotes sehe ich sehe ich als weniger relevant an.

    Die Absatzsatzzahlen sind nicht unbedingt ein aussagekräftiger Index für die Größe der potenzialen Konsumentengruppe. Es hängt vielmehr davon ab wie viele Inhalte von den Nutzern mit dem Tablet konsumiert werden.

    Die potentielle Käuferschaft ist bei iOS-Applikationen sehr viel größer und somit ist es zurzeit, so dass Magazine oder auch Apps für iOS teilweise finanziell erfolgreicher sind.

    Zum Beispiel: Ich denke TNW richtet sich eher an technik- und internet-affine Personen. Solche Personen gehören eher nicht zu den Konsumentengruppe, welche sich ein Kindle Fire kauft.

    • Sebastian Peitsch sagt:

      Ich würde Dir insgesamt wirklich gerne zustimmen das Problem ist dass wir es einfach nicht wissen können wie viel Geld die Leute bei Amazon liegen lassen.

      Amazon Prime ist ja in Deutschland nur „Schnellversand“. In Amerika bedeutet es aber eine Menge anderer Vorteile – zum Beispiel Streaming Video, Gratisbücher und die Möglichkeit, Bücher zu verleihen und andere Dienste die Amazon neu einführt als Erster zu testen. Die Firma verschleudert ja im Prinzip die Kindles und wenn man sich Werbung gefallen lässt bekommt man das Gerät sogar unter Herstellungspreis wenn man iSupply glauben darf.

      Ich finde es einfach sehr schwierig einzig und alleine von der Browsernutzung auf das Kaufverhalten zu schließen – vielleicht kaufen Kindle-Besitzer wie bescheuert Bücher und sind zu einem hohen Anteil Prime-Abonnenten und haben deshalb so viel Content den sie den ganzen Tag genießen können, dass für Firmen/Webseiten wie TNW nicht viel übrig bleibt. Apple sagt uns ja laufend, wie viel Geld sie an Entwickler ausgeschüttet haben – Amazon nicht.

      Sicher ist, dass der Browser aber auch die Apps bei Amazon eher nettes Beiwerk zu allen Dingen sind, die Amazon selbst verkauft. Ein Kindle ist im Moment sicherlich als Allererstes ein eReader und deshalb kommt niemand überhaupt auf die Idee, das Ding als Webbrowsemaschine zu verwenden. Amazon arbeitet nach dem Prinzip, nettes Beiwerk zu kredenzen damit sie eigene Inhalte verkaufen können. Bei Apple ist das nette Beiwerk dafür da, Hardware zu verkaufen.

      Ich würde WIRKLICH gerne Informationen über das Durchschnittseinkommen von Kindle-Käufern und von Apple-Käufern erfahren. Ich denke auch dass ein Apple-Haushalt mehr frei verfügbare Mittel für Einkäufe hat. WISSEN kann ich es aber nicht und deshalb halte ich von absoluten Aussagen nicht wirklich viel.

      Die Indikatoren gehen auf jeden Fall in die Richtung und wenn ich Inhalteanbieter wäre würde ich als Erstes für iOS entwickeln/veröffentlichen.

      Das wird dann aber irgendwann zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Keiner will Sachen für den Kindle oder gar Play Store machen und das führt dann zu weniger Umsatz auf diesen Plattformen und so weiter und so fort.

      • 4ndreas sagt:

        Stimmt, du hast recht. Ich habe das außer Acht gelassen, dass gerade in den USA von Amazon sehr viele Medien für das Kindle angeboten werden.

        Aber ich bin denoch überzeugt, dass technikbegeisterte Kunden eher ein Tablet mit vollwertigen Android kaufen als ein stark limitiertes Kindle.

        Der Fehler ist oft, dass man die Absatzzahlen immer im Verhältnis setzt mit den Absatzzahlen oder den aktivierten Geräten.

        Ich gehe davon aus, dass auch sehr viele Personen ein Android-Gerät kaufen und diese nicht als Smartphone nutzen. Damit nicht im Internet surfen und auch keinen Apps herunterladen. Dies belegen die Internet-Nutzungs-Statistiken und die Downloadzahlen in den jeweiligen Stores. Man kanntalso nicht pauschal davon ausgehen, dass die potenzielle Kundenanzahl bei einer Android höher oder gleich wie bei iOS ist (ich schätze sogar sie ist um einiges geringer).

        Was, dass Beispiel von TNW aber zeigt, ist dass die Anpassung/Erstellung von Apps unter Android aufwändiger ist.

        Danke übrigens für die Antwort und für deinen neben iphone-blog einen der lesenswertesten deutschen Blogs zum Thema Apple.

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