Bullshit

Die Art und Weise, wie Apple-Fanboys in den Redaktionen der Wirtschaftspresse der USA und in den Blogs derzeit krampfhaft versuchen, den Fokus auf das Agency-Model zu verlegen, und Apple als weißen Ritter darzustellen, der das Monopol von Amazon aufbricht, ist für mich persönlich langsam nicht mehr zu ertragen.

Die Fassungslosigkeit die sich ergibt, wenn man zunächst die Anklageschrift (englisch, PDF) der US-Justiz gegenüber Apple und den darin genannten Verlagen liest, in denen detailliert berichtet wird, was genau auf welche Art und Weise und wo geplant wurde, um dann Artikel wie den von Gordon Crovitz im Wall Street Journal zu lesen, ist wirklich bar jeder Beschreibung.

Crovitz ignoriert darin einfachste Bestandteile der Anklageschrift und tut so, als ob die Treffen in New Yorker Restaurant-Hinterzimmern so nicht stattgefunden haben (nun gut, man kann sagen: im Zweifel für den Angeklagten – kann ja sein dass es nicht so war). Er verklärt das 70/30-Modell zum einzig Wahren, zur einzigen Möglichkeit, abzurechnen im iTunes (App)-Store. Dass das so ist wie es nun mal ist und dass man nichts daran ändern könnte, und dass es das „Beweisstück Nummer 1“ für Apple wäre. Egal ob man jetzt 20 TAUSEND Programmierer bei Apple beschäftigt, die nicht nur DEN PREIS von zwei Apps unterscheiden könnten, sondern „eventuell“ auch DIE MARGE zwischen zwei unterschiedlichen Produkten. Anders ausgedrückt: seit wann ist „das haben wir schon immer so gemacht“ ein Grund?!?

Überhaupt, was den 70/30 Split angeht:

Alleine die Nachforschung nach diesen beiden Fragen hat mich knapp zwei Stunden Googeln gekostet. Es ist wirklich nicht so als ob diese Information frei im Netz verfügbar wäre. Vor allen Dingen aber ist es einfach nur bräsig, dies als unumstößliche Tatsache festzustellen. Laut Crovitz hat Eddie Cue von Apple das so gesagt. Belege fehlen. Es tut mir wirklich leid wenn ich jemand bin, der sowas nicht einfach so hinnimmt. Vor allen Dingen zweifle ich ohne Verträge zwischen Apple und den großen Film-Studios oder Fernsehsendern gesehen zu haben, ob das wirklich für ALLE und ALLES der Fall ist. Die Zeichen deuten in diese Richtung, die Bereitwilligkeit, dies aber als Tatsachen hinzunehmen, ist meiner Ansicht nach fahrlässig.
Mehr noch: beim KÜNSTLER kommen davon nur ein paar Cent an. Was die Einsparungen wären, wenn man Verlage komplett abschafft? Geschenkt! Dieser Einwand, den ich schon damals bei der Einführung des 70/30 Splits für InApp-Käufe auf iphoneblog.de wehement angesprochen habe („Alle Kosten fließen IMMER mit in das Produkt, wenn Apple nicht 30% nehmen würde könnte das Produkt für UNS KUNDEN billiger sein“) – davon spricht Crovitz nicht. Natürlich nicht, arbeitet er doch indirekt bei einem Verlag. Und wer will schon die Überflüssigkeit seines Arbeitgebers ansprechen?

Zudem schreibt Crovitz netterweise in seinen Artikel, dass das WallStreetJournal zu HarperCollins gehört. Dass HarperCollins einer der angeklagten Verlage ist, lässt er geflissentlich unter den Tisch fallen.

Kommen wir aber zu dem, was er in seinem Artikel steht.

The complaint discloses dinners the book publishers ate in posh New York restaurants to support the claim that they conspired to fix prices. The more accurate way to describe the goal of the dinners is that publishers conspired to repair an anticompetitive business model. They thought it made no sense for Amazon’s Kindle to have a 90% market share and a single loss-leader price of $9.95 for consumers. They were right. Over the past couple of years, thanks to the agency model, the Kindle’s market share has fallen to 60% thanks to competition from iPads and Barnes & Noble Nooks, and there is more variation in consumer prices, typically ranging from $5.95 to $14.95.

Generell: Monopole sind nie gut. Was aber auch hier festzuhalten bleibt, und was auch hier wieder unter den Tisch fallen gelassen wurde, ist die Tatsache, dass Amazon mit den Verlagen Großhandelspreise für deren (Papier)-Bücher ausgehandelt hat, bei denen 50% des auf den Büchern aufgedruckten Preises generell von Amazon an die Verlage zu zahlen war.  bedeutet, dass Amazon bei jeder einzelnen, digitalen Version eines Buches, das über 19,98 USD kostet, KEINEN Cent Gewinn gemacht hat. Man könnte dies als Preisdumping bezeichnen, ich jedoch würde sagen dass Amazon Mittel und Wege dazu gefunden hat, die eigenen Gewinne quasi an die Verlage weiter zu reichen, riesige Verluste hinzunehmen, um den Kunden endlich ein breites Angebot an Inhalten bieten zu können, damit der eBook-Zug endlich an Fahrt gewinnt. Und ganz nebenbei ist das doch auch genau DAS, was Amazon schon um die Jahrtausendwende gemacht hat, um sich als Onlinehändler für gedruckte Bücher zu etablieren. Kostenloser Versand und Sonderangebote für Bücher. Genau das, was jetzt beim Kindle passiert, nur mit dem Unterschied, dass ALLE Bücher das Gleiche kosten. Und: dieses 50/50-Modell gilt auch was die Preise für eBooks die jetzt erst eingestellt werden für Autoren, die KEINEN Verlag bemühen wollen und direkt über Amazon veröffentlichen, dies aber aus anderen Gründen wie DRM z.B. nicht tun wollen (siehe Wil Wheaton).

Die ersten eBook-Reader mit eInk gab es bereits 1999, ACHT Jahre vor dem ersten Kindle. Den Nook von Barnes & Noble gibt es erst seit 2009. Das iPad 1 erst seit 2010. Das Preismodell bei Barnes & Noble ist dabei sogar gestaffelt. Bei Buchpreisen zwischen 2,99 USD und 9,99 USD gibt es 65% für den Autor, alles darüber (bis 199,99 USD Maximalpreis) oder darunter (bis 2,98 USD) bedeutet aber lediglich 40% für den Autor.

Ich will nicht den ganzen Artikel mit Ausrufezeichen verschandeln, aber wenn man das liest klingeln einem doch die Ohren.

Crovitz Hinweis auf den Rückgang auf 60% Marktanteil kann hier nur als Scherz interpretiert werden. Wenn der Nook und das iPad bis 2009 bzw. 2010 gar nicht auf dem Markt waren, wie zum Geier soll es denn dann bitte passieren dass diese den Marktanteil von Apple „over the last couple of years“ hätten angreifen können?

Sprich: kann es nicht „eventuell“ möglich sein, dass es eine Verschiebung des Marktanteils gegeben hätte, egal wie die Preismodelle bei Nook und iPad ausgesehen hätten, „Agency Model“ hin oder her?

Nach all dem kommen wir aber jetzt zum absoluten Kicker, dargelegt von Chris Martucci auf whatblag.com

In other words, Apple’s agency model required all seven publishers to take away retail price control from other e-book retailers, effectively “stripping them of any ability to discount or otherwise price promote e-books out of the retailer’s own margins”

Dies schreibt er bezogen auf folgende Passage aus der Anklageschrift

[T]he [Most Favored Nation] here required each publisher to guarantee that it would lower the retail price of each e-book in Apple’s iBookstore to match the lowest price offered by any other retailer, even if the Publisher Defendant did not control that other retailer’s ultimate consumer price. That is, instead of an MFN designed to protect Apple’s ability to compete, this MFN was designed to protect Apple from having to compete on price at all, while still maintaining Apple’s 30 percent margin.

Sprich: Apple verlangte den sieben mitangeklagten Verlagen (und denen, die sich bereits mit der US-Justiz außergerichtlich geeinigt haben), dass der Preis im iBookstore jederzeit genau so niedrig sein muss wie der Preis in allen anderen eBook-Stores aller anderen Händler.

Was Martucci nun wiederrum übersieht ist, dass dies genau den Anforderungen von Amazon gegenüber Anbietern im Marketplace ist. Dort darf man keinen Preis festsetzen der höher ist als Angebote in allen anderen Vertriebskanälen. Sprich wenn ich als Händler am Marketplace teilnehmen will und sagen wir mal ein Nudelholz für 9,99 Euro anbiete, dann darf ich nicht auf meiner eigenen Webseite billigenudelhölzer.de einen Preis von 7,90 Euro für das gleiche Nudelholz verlangen.

Es ist demnach ebenso fahrlässig, nunmehr Martuccis Artikel zum Thema einfach so zu nehmen und als Beweis dafür zu betrachten, dass Apple und die Verlage „price fixing“, sprich eine Preisabsprache betreiben.

Zitat Martucci

If that’s not price-fixing, I’m not sure what is.

Well Chris, actually it isn’t. Das hier ist keine Preisabsprache. Es ist eine Festlegung zu „price matching“. Eine Preisabsprache wäre es, wenn in den dunklen Hinterzimmern von noblen New Yorker Restaurants zwischen den Verlagen abgesprochen worden wäre, sich nicht dauerhaft zu unterbieten.

Apple hat grundsätzlich eine gesunde Verteidigungslinie, die lautet: wir wollten den Verlagen die Möglichkeit geben, andere Preise als die krampfhaft festgelegten 9,99 USD festsetzen zu können. Die Ironie hierbei ist, dass Apple was Musik angeht die 0,99 USD-Preise für jedes MP3-Lied jahrelang eisern verteidigt hat. Erst als Amazon den Markt betrat und selbst Musik anbot konnte man dazu bewogen werden, „Premium“-Lieder für 1,29 USD zuzulassen, oder halt die 1,99 USD-Lieder ohne DRM.

Das Problem hierbei ist nicht, dass diese Verträge so auf diese Art gemacht wurden. Das Problem ist, dass sich Apple mit Vertretern von mehr als sieben Verlagen in Hinterzimmern getroffen hat. Das Justizministerium geht davon aus, dass hierbei Preisabsprachen getroffen wurden, sich nicht dauerhaft gegenseitig zu unterbieten.

Warum dies von niemandem in diesem Themenkomplex verstanden wird, und statt dessen an den Preismodellen herumdiskutiert wird, ist mir ein absolutes Rätsel. Es geht hier weder um das Preismodell an sich, noch um price-matching noch um die Marktanteile die heute existieren im Vergleich zu einer Zeit, wo keine Konkurrenz vorhanden war. Wie Crovitz im WSJ allen Ernstes hinschreiben kann, dass damals als es noch ein Inhalte-Monopol gab der Marktanteil von Amazon der eines Monopolisten war und heute das nicht mehr so ist, nachdem das Monopol gefallen ist, und dies als Verteidigung zu benutzen gegen die Tatsache, dass man sich zu Vertragsabsprachen getroffen hat, ist einfach irrwitzig.

Jeder, der in den nächsten Wochen einen Artikel zum Thema liest sollte sich immer wieder und wieder in Erinnerung rufen: es geht hier lediglich um die Absprachen. Preisabsprachen sind illegal. Es ist aber längst noch nicht bewiesen, dass es diese Absprachen gab.

Dafür wird der Prozess geführt und die Staatsanwaltschaft wird versuchen, das Gericht davon zu überzeugen, dass die Preise abgesprochen wurden.

Warum Freizeitblogger und Kolumnisten von in den Prozess verwickelten Verlagen meinen, sie müssten juristisches Halbwissen und Binsenweisheiten verbreiten, die NICHTS mit dem Kern der Anklage zu tun haben, ist mir schleierhaft.

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